domenica 17 maggio 2015

Die Deutschen in der Ukraine


DIE ROTEN HUNDE

 

Hinterhältigkeit

 

Es regnete Tag für Tag, das schwarze, tiefe Meer aus ukrainischem Schlamm erhob sich langsam über dem Horizont. Es war die hoche Flut des ukrainischen Herbstes: der Schlamm hob sich Schritt um Schritt wie aufgehender Brotteig. Den fetten Schlammgeruch brachte der Wind aus der Ferne der endlosen Ebene, durchmischt vom Geruch nicht geernteten Korns, das auf den Feldern dem Verfaulen preisgegeben war und vom süssen und müden Geruch der Sonnenblumen. Aus den schwarzen Augen der Sonnenblumen lösten sich die Samenkörner - eines nach dem anderen - die langen gelben Blütenblätter, die die grossen runden Auge umstanden hatten, fielen herab - eines nach dem anderen. Nun war das Auge weiss und leer wie das Auge eines Blinden. 

Die deutschen Soldaten, die von der Front zurückkehrten, warfen, als sie den Dorfplatz erreichten, ihre Gewehre schweigend auf den Boden. Sie waren vom Kopf bis zu den Füssen von Schlamm bedeckt, hatten lange Bärte und tiefliegende Augen, die den Augen der Sonnenblumen zu ähneln schienen, so weiss und leer waren sie. Die Offiziere schauten die Soldaten und die auf den Boden geworfenen Gewehre an, und schwiegen. Der Blitzkrieg war jetzt vorbei, jetzt  begann der Dreissigjährige Blitzkrieg. Mit dem Gewinnerkrieg war es jetzt vorbei, jetzt begann der Verliererkrieg. Auf dem Grunde der leeren Augen der Offiziere und der deutschen Soldaten sah ich den weissen Fleck der Angst, ich sah, wie er sich nach und nach erweiterte, die Pupille anfrass, die Wurzeln der Wimpern ansengte und die Wimpern fielen - eine um die andere - wie die Blütenblätter der Sonnenblumen.  Wenn der Deutsche anfängt Angst zu haben, wenn sich in seinen Knochen die rätselhafte deutsche Angst einnistet, dann ist der Moment gekommen, an dem er Schrecken und Mitleid zugleich einflösst. Sein Ausdruck ist erbärmlich, seine Grausamkeit traurig, sein Mut schweigsam und verzweifelt. Und genau in diesem Augenblick wird der Deutsche bösartig: und ich bereute es Christ zu sein, und ich schämte mich ein Christ zu sein.

Die russischen Gefangenen, die jetzt von der Front in die Etappe gebracht wurden,  waren nicht mehr so wie diejenigen in den ersten Monaten des Krieges, sie waren nicht mehr so wie die im Juli, wie die im August, wie die, die von deutschen Soldaten bewacht, unter der sengenden Sonne, in tagelangen Märschen durch die rote und schwarze Erde der Ukraine in die Etappe gebracht wurden. Während der ersten Kriegsmonate zeigten sich die Frauen in den Dörfern auf der Schwelle ihrer Häuser, lachten und weinten vor Freude, sie kamen gelaufen um den Gefangenen etwas zum Trinken und zum Essen zu bringen.  - Oh biedni, oh biedni! – riefen sie „die Armen“. Sie brachten sogar  etwas zu Essen und zu Trinken auch für die deutschen Bewacher, die sich inmitten des Dorfplatzes hingesetzt hatten, auf die Bänke neben den umgeworfenen Standbildern aus Gips von Lenin und Stalin, wo sie, mit der Maschinenpistole zwischen den Knien, sich rauchend und lachend unterhielten. Während der Rast in den Dörfern waren die russischen Gefangenen ziemlich frei, konnten dahin und dorthin gehen, sogar in die Häuser oder sich nackt am Brunnen waschen. Beim Pfiff des deutschen Feldwebels liefen jedoch alle wieder an ihre Posten und die Kolonne setzte sich in Bewegung, marschierte aus dem Dorf, durchquerte singend das grüne und gelbe Meer der endlosen Ebene. Die Frauen, die Alten und die Kinder begleiteten die Kolonne ein Stück weit, lachend und weinend. An einen bestimmten Punkt blieben für einen Augenblick stehen um den sich entfernenden Gefangenen zuzuwinken, ihnen Kusshände zuzuwerfen. Dann, wenn die Sonne hoch stand, kehrten auf der staubigen Strasse zurück, drehten sich hin und wieder um, um „doswidanja daragaia“ zu rufen „Auf Wiedersehen ihr Lieben“. – Die deutschen Bewacher, mit ihrer umgehängten Maschinenpistole, marschierten sich laut unterhaltend und lachend, zwischen den Hecken und Sonnenblumen. Und die Sonnenblumen neigten sich durch die Hecken um sie vorbeimarschieren zu sehen, ihnen mit ihrem schwarzen runden Augen nachzuschauen -  bis die Kolonne im Staub verschwand.

Nun war der Gewinnerkrieg vorbei und es begann der Verliererkrieg, begann der Dreissigjährige Blitzkrieg. Und die Kolonnen russischer Kriegsgefangener wurden immer weniger: die deutschen Wachmannschaften marschierten nicht mehr mit umgehängter Maschinenpistole lachend und sich laut unterhaltend, sie marschierten nun an der Seite der Kolonnen, brüllten mit rauer Stimme, starr das schwarze und glänzende Auge der Maschinenpistolen auf die Gefangenen gerichtet. Bleich und abgemagert schleppten sich diese durch den Schlamm, hungrig und müde, und die Frauen, die Alten und die Kinder in den Dörfern sahen sie mit tränenden Augen vorbeiziehen und riefen mit schwacher Stimme „nitschewo, nitschewo“ , sie hatten nichts mehr, nicht einmal ein Stück Brot, nicht einmal ein Glas Milch, die Deutschen hatten alles fortgenommen, alles, alles gestohlen, „nitschewo, nitschewo“. „Macht nichts, daragaja, macht nichts. Wsio rawno, es ist gleich“, antworteten die Gefangenen. Und die Kolonne durchquerte das Dorf ohne anzuhalten, im Regen, mit dem verzweifelten Ruf „wsio rawno, wsio rawno, wsio rawno“, stolperte sie durch das Meer schwarzen Schlammes der endlosen Ebene.

 

Dann begannen die ersten „Lektionen im Freien“, die ersten Leseübungen in den Höfen der Kolchosbetriebe. Das einzige Mal, an dem ich bei einer dieser Lektionen beiwohnte, war in der Kolchose eines Dorfes in der Nähe von Nemirowskoje. Und von da an habe ich es stets vermieden solchen Lektionen im Freien beizuwohnen. – Warum nicht? – fragten mich die deutschen Offiziere des Generals von Schobert [Eugen Siegfried Erich von Schobert (1883-1941)]. „Warum wollen Sie nicht den Lektionen im Freien beiwohnen? Es ist ein sehr interessantes Experiment, sehr interessant“.

Die Gefangenen waren im Hof der Kolchose aufgereiht, der Umfassungsmauer entlang. Unter grossen Vordächern befand ein Durcheinander von Hunderten von Landwirtschaftsmaschinen: Mähmaschinen, Eggen, mechanische Pflüge, Dreschmaschinen. Es regnete, und die Gefangenen waren durchnässt bis auf die Haut. Sie standen dort schon seit einigen Stunden, schweigend, einer an den anderen gelehnt. Es waren blonde Jungens mit rasiertem Kopf, mit hellen Augen und breitem Gesicht. Sie hatten grosse und breite Hände mit narbigen, gedrungenen und gekrümmten Daumen. Fast alle waren Bauern. Die Arbeiter, zum grössten Teil Mechaniker und Kolchoshandwerker, erkannte man an ihrer Statur und an ihren Händen: sie waren grösser, magerer, hellhäutiger, sie hatten knochige Hände mit langen Fingern, mit glatten Daumen, geglättet in der Berührung mit Hämmern, Hobeln, Schraubenschlüsseln, Schraubenziehern und Kurbeln. Man erkannte sie auch an ihren ernsten Gesichtern und ihren trüben Augen.

 

An einem bestimmten Augenblick betrat den Kolchoshof ein deutscher Unteroffizier, ein Feldwebel – begleitet von einem Dolmetscher. Der Feldwebel war klein und dick, von der Art, die scherzhafterweise Fettweibel genannt wurden. Er pflanzte sich breitbeinig vor den Gefangenen auf und begann mit der gutmütigen Stimme eines Familienvaters zu reden. Er sagte, dass man heute eine Leseprüfung machen würde, jeder müsse einen Abschnitt aus einer Zeitung laut vorlesen und diejenigen, die die Prüfung bestehen würden, würden in den Gefangenenlagern als Schreiber eingesetzt. Die anderen, die die Prüfung nicht bestehen würden, müssten Äcker bestellen, als Handlanger arbeiten oder Erdarbeiten verrichten.

Der Dolmetscher war ein Sonderführer, klein und mager, nicht älter als dreissig Jahre alt, mit bleichem Gesicht und vielen kleinen roten Flecken, in Russland geboren, ein Volksdeutscher aus Melitopol, der Russisch mit einem seltsamen deutschen Akzent sprach. (Beim ersten Mal, als ich ihn traf, sagte ich zu ihm im Scherz, dass Melitopol Stadt des Honigs heisst. – „Ja, es gibt viel Honig in der Gegend von Melitopol“ – antwortete er mir mit unwirscher Stimme und sich verfinsterten Miene,  „Ich beschäftige mich nicht mit Imkerei: ich bin Lehrer“ –). Der Sonderführer übersetzte die kurze und mit gutmütiger Stimme vorgetragene Rede des Feldwebels Wort für Wort und fügte mit dem Ton eines Lehrers, der seine Schüler herausfordert, hinzu, gut auf die Aussprache zu achten, sich beim Lesen anzustrengen und nicht zu künsteln, denn wenn sie die Prüfung nicht ehrenhaft beständen, würden sie es bereuen.

Die Gefangenen hörten stillschweigend zu. Erst als der Sonderführer geendet hatte, begannen sie unter sich zu reden. Viele schienen den Mut verloren zu haben, schauten um sich wie geprügelte Hunde und rangen verlegen die schwieligen Hände. Andere aber lachten zufrieden, sie waren sich sicher, die Prüfung ehrenhaft zu bestehen und nun Schreibdienste in irgendeinem Büro erledigen zu können. „Eh Pjotr, eh Wanja“ – riefen sie mit der ihnen eignen Fröhlichkeit russischer Bauern ihren Kameraden zu. Die Arbeiter unter ihnen schwiegen, richteten ihre Augen auf das Direktionsgebäude der Kolchose, in dem sich das deutsche Kommando befand, schauten hin und wieder auf den Feldwebel, aber würdigten den Sonderführer keines Blickes. Ihre Augen waren tiefliegend und stumpf.

„Ruhe“ – schrie plötzlich der Feldwebel. Und schon erschien eine Gruppe von Offizieren, angeführt von einem alten, hochgewachsenen und mageren, etwas gebeugten Oberst mit kurzgeschnittenem weissen Bärtchen, der beim Gehen ein Bein etwas nachschleppte. Der Oberst schaute kurz und oberflächlich die Gefangenen an, dann begann er mit monotoner Stimme zu sprechen, wobei er einige Silben verschluckte, so als hätte er Eile seine Sätze zu beenden. Am Ende jedes Satzes machte er eine lange Pause und blickte auf die Erde. Er sagte, dass diejenigen, die die Prüfung ehrenhaft bestehen würden, und so weiter und so fort. Der Sonderführer übersetzte die kurze Ansprache des Oberst Wort für Wort, dann fügte er von sich aus hinzu, dass die Regierung in Moskau Milliarden in die sowjetischen Schulen investiert habe. Er wisse das, weil er vor dem Krieg Lehrer in einer Schule für Volksdeutsche in Melitopol gewesen sei, und dass alle, die die Prüfung nicht bestehen würden, dann harte Handarbeit als Hilfskräfte und Landarbeiter leisten müssten; schlecht für die, die in der Schule nichts gelernt hätten. Es schien so, als ob dem Sonderführer sehr viel daran gelegen sei, dass jeder mit guter und korrekter Aussprache laut Lesen könne.

„Wie viele?“ fragte der Oberst den Feldwebel, wobei er sich mit der behandschuhten Hand das Kinn strich. „Hundertachtzehn“ antwortete der Feldwebel. „Fünf jeweils zusammen und jeder zwei Minuten“, befahl der Oberst. „Wir müssen das in einer Stunde erledigen“. „Jawohl“ antwortete der Feldwebel.

Der Oberst winkte einem der Offiziere, der ein Bündel Zeitungen unter dem Arm trug, und die Prüfung begann.

Fünf Gefangene traten einen Schritt vor, jeder von ihnen streckte eine Hand aus um die Zeitung zu ergreifen, die der Offizier ihm hinhielt (es waren alte Nummern der Iswestija und der Prawda, die man im Büro der Kolchose gefunden hatte) und fing an mit lauter Stimme zu lesen. Der Oberst hob den linken Arm mit der Armbanduhr und hielt ihn vor die Brust, die Augen fest auf die Zeiger gerichtet. Es regnete und die Zeitungen wurden nass und nässer, wurden weich und schlaff in den Händen der Gefangenen, die, rot oder ganz bleich im Gesicht, schwitzend sich in den Wörtern verhedderten, anfingen zu buchstabieren, den Akzent zu verfehlen und die Zeilen zu verwechseln. Alle konnten lesen, aber nicht fliessend, ausser einem, einem ganz jungen, der langsam aber sicher las, wobei er hin und wieder aufschaute. Der Sonderführer hörte den Lesenden mit einem ironischen Lächeln zu, in dem, wie es mir schien, ein Schatten von Verachtung lag: in seiner Rolle als Dolmetscher, fühlte er sich als Richter. Er war der Richter. Er blickte die Lesenden fest an, blickte von einem zum anderen mit einstudierter Langsamkeit und Bösartigkeit. – „Halt!“ rief der Oberst.

Die fünf Gefangenen blickten von den Zeitungen auf und warteten. Auf einen Wink des Richters hin rief dann der Feldwebel: „Diejenigen, die durchgefallen sind, stellen sich hinten auf der linken Seite auf, diejenigen, die die Prüfung bestanden haben, auf der rechten Seite“. Als die ersten vier Durchgefallenen, auf einen Wink des Richters hin, enttäuscht sich hinten auf die linke Seite begaben, ging durch die Reihen der Gefangenen ein jugendliches, frohes und schadenfrohes Lachen, ein richtiges Bauernlachen. Auch der Oberst liess den Arm sinken und lachte mit, auch die anderen Offiziere, auch der Feldwebel fingen zu lachen an und auch der Sonderführer. „O biedni – Oh die Armen“, sagten die Gefangenen zu den durchgefallenen Kameraden, „Euch schickt man jetzt Strassen bauen, O biedni, jetzt müsst ihr Steine schleppen“ und lachten dabei. Derjenige, der die Prüfung bestanden hatte, stand rechts hinten ganz allein und lachte mit den anderen die Durchgefallenen aus. Alle lachten, mit Ausnahme der Gefangenen, die dem Aussehen nach Arbeiter waren, und die den Oberst mit finsterem Blick schweigend ins Gesicht sahen.

Dann waren weitere fünf dran, und auch diese strengten sich an, gut zu lesen, ohne über Wörter zu überspringen, ohne falsche Betonung. Aber nur zweien gelang es korrekt zu lesen; die anderen drei, ganz rot vor Scham im Gesicht oder ganz bleich aus Angst, hielten die Zeitung fest in den Händen, und hin und wieder leckten sie sich die trockenen Lippen.  „Halt! – rief der Oberst. Die fünf Gefangenen erhoben das Gesicht und trockneten sich den Schweiss mit der Zeitung, „Ihr drei, nach links  hinten, und ihr zwei nach rechts“, rief der Feldwebel auf einen Wink des Sonderführers hin.  Und die Kameraden machten sich über die Durchgefallenen lustig und riefen: O biedni Ivan! O biedni Pjotr und sie berührten deren Schulter wie um zu sagen: „Jetzt müsst ihr Steine tragen“. Und alle lachten.

Aber einer der fünf Gefangenen der dritten Gruppe las ausgezeichnet, ganz korrekt, betonte klar die Silben und hob hin und wieder die Augen und schaute dem Oberst ins Gesicht. Die Zeitung, aus der er las war eine alte Nummer der Prawda vom 24. Juni 1941, auf deren Frontseite stand: „Die Deutschen sind in Russland eingefallen! Genossen Soldaten, das sowjetische Volk wird den Krieg gewinnen, den Feind zermalmen!“. Die Worte verbreiteten sich unter dem Regen und der Oberst lachte.  Es lachten auch der Sonderführer, der Feldwebel und die Offiziere. Alle lachten. Und auch die Gefangenen lachten, sie schauten mit Bewunderung und Neid auf ihren Kameraden, der wie ein Lehrer lesen konnte. „Bravo!!, sagte der Sonderführer zu ihm mit strahlendem Gesicht: er schien fast so glücklich und stolz zu sein, als ob es sich um einen seiner Schüler handelte. „Du, nach rechts, dort hinten“, sagte der Feldwebel gutgelaunt zu dem Gefangenen und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Der Oberst sah den Feldwebel an und tat so als wolle er etwas zu ihm sagen, aber er hielt sich zurück: und ich merkte, dass er leicht rot wurde.

Die Gefangenen der rechten Gruppe lachten zufrieden: diejenigen, die die Prüfung bestanden hatten schauten ihre glücklosen Kameraden mit spöttischer Miene an, zeigten mit dem Zeigefinger auf sich und sagten: „Wir Schreiber!“ – den Durchgefallenen schnitten sie Grimassen und sagten: „Ihr Steineschlepper!“.  Nur die Gefangenen, die wie Arbeiter aussahen, und nun, einer nach dem anderen, die Reihen derjenigen füllten, die die Prüfung bestanden hatten, schwiegen und blickten starr auf den Oberst, der, als er ihren Blick gewahr wurde, rot wurde und schrie: „Schnell! Schnell!“

Die Prüfung dauerte etwa eine Stunde. Als die letzte Gruppe der Gefangenen dran war -  es waren nur noch drei – endete das Lesen nach zwei Minuten  und der Oberst befahl dem Feldwebel: „Abzählen“. Der Feldwebel machte sich daran sie von weitem abzuzählen: - eins, zwei drei  - Die auf der linken Seite, die Durchgefallenen, waren siebenundachtzig, die auf der rechten Seite, die die Prüfung bestanden hatten, einunddreissig. Nun, auf einen Wink vom Oberst, begann der Sonderführer zu sprechen. Er verhielt sich wirklich wie ein Schullehrer, der nicht mit seinen Schülern zufrieden ist. Er sagte, er sei enttäuscht, dass so viele  durchgefallen seien, dass er es gern gesehen hätte, wenn alle die Prüfung bestanden hätten. Auf jeden Fall, sagte er, diejenigen, die es nicht geschafft hätten, die Prüfung zu bestehen, sollten nicht entmutigt sein: sie würden gut behandelt werden  und hätten nichts zu klagen, sofern sie gut arbeiteten und sich mehr anstrengen würden, als sie es in der Schule getan hätten. Während er sprach, schaute die Gruppe derjenigen, die die Prüfung bestanden hatten, mitleidig auf ihre weniger glücklichen Kameraden, und die Jüngsten gaben sich einen Stoss in die Rippen und lachten unter sich. Dann, als der Sonderführer geendet hatte, wandte sich der Oberst an den Feldwebel und sagte: „Alles in Ordnung. Weg!“ – und schritt, ohne sich umzudrehen, zum Büro des Kommandos. Gefolgt von den Offizieren, die sich hin und wieder umdrehten und mit gedämpfter Stimme unter sich sprachen.

„ Ihr bleibt hier bis morgen und morgen geht’s ab ins Arbeitslager“, sagte der Feldwebel zur linken Gruppe. Dann wandte er sich an die rechte Gruppe, an die Gefangenen, die die Prüfung bestanden hatten. Mit harter Stimme befahl er ihnen, sich in einer Reihe aufzustellen. Kaum standen die Gefangenen in einer Reihe, dicht einer neben dem anderen (sie hatten zufriedene Gesichter und lachten belustigt wenn sie ihre Kameraden ansahen). Er zählte sie nochmals ab. „Einunddreissig“, sagte er und winkte mit der Hand der SS-Mannschaft, die im hinteren Teil des Hofes gewartet hatte. Dann befahl er: „Rechts um, Marsch!“. Die Gefangenen macht Rechts um, sie stampften fest auf den schlammigen Boden, und als sie sich mit dem Gesicht vor der Umfassungsmauer des Hofes befanden, befahl der Feldwebel: „Halt!“. Er wandte sich dann den SS-Leuten zu, die nun mit ihren Maschinenpistolen hinter den Gefangenen standen, räusperte sich, spuckte auf den Boden und befahl: „Feuer!.

Beim Knattern der Maschinenpistolen war der Oberst an der Tür des Kommandos angelangt, er hielt kurz an, drehte sich auf dem Absatz um, auch die Offiziere hielten inne und drehten sich um. Der Oberst fuhr mit der Hand über sein Gesicht als wolle er sich den Schweiss abwischen, und, gefolgt von seinen Offizieren, betrat er das Gebäude des Kommandos.

„Ach so!“, sagte der Sonderführer aus Melitopol als er an mir vorrüberging. „Man muss Russland von diesem Gesindel von Intellektuellen reinigen. Die Bauern und Arbeiter, die zu gut lesen und schreiben können, sind gefährlich. Alles Kommunisten“.

„Natürlich“, sagte ich, „Aber in Deutschland können alle Bauern und Arbeiter gut lesen und schreiben“.

„Das deutsche Volk ist eben ein Kulturvolk“

„Natürlich“, sagte ich, „ein Kulturvolk“.

„Nicht wahr?“, sagte lachend der Sonderführer und begab sich ebenfalls in das Kommandogebäude.

Ich blieb allein inmitten des Hofes, allein mit den Gefangenen, die nicht richtig lesen konnten, und zitterte.

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