DIE ROTEN HUNDE
Hinterhältigkeit
Es regnete Tag für Tag, das
schwarze, tiefe Meer aus ukrainischem Schlamm erhob sich langsam über dem
Horizont. Es war die hoche Flut des ukrainischen Herbstes: der Schlamm hob sich
Schritt um Schritt wie aufgehender Brotteig. Den fetten Schlammgeruch brachte
der Wind aus der Ferne der endlosen Ebene, durchmischt vom Geruch nicht
geernteten Korns, das auf den Feldern dem Verfaulen preisgegeben war und vom
süssen und müden Geruch der Sonnenblumen. Aus den schwarzen Augen der
Sonnenblumen lösten sich die Samenkörner - eines nach dem anderen - die langen
gelben Blütenblätter, die die grossen runden Auge umstanden hatten, fielen herab
- eines nach dem anderen. Nun war das Auge weiss und leer wie das Auge eines
Blinden.
Die deutschen Soldaten, die von
der Front zurückkehrten, warfen, als sie den Dorfplatz erreichten, ihre Gewehre
schweigend auf den Boden. Sie waren vom Kopf bis zu den Füssen von Schlamm
bedeckt, hatten lange Bärte und tiefliegende Augen, die den Augen der Sonnenblumen
zu ähneln schienen, so weiss und leer waren sie. Die Offiziere schauten die
Soldaten und die auf den Boden geworfenen Gewehre an, und schwiegen. Der Blitzkrieg
war jetzt vorbei, jetzt begann der
Dreissigjährige Blitzkrieg. Mit dem Gewinnerkrieg war es jetzt vorbei, jetzt begann
der Verliererkrieg. Auf dem Grunde der leeren Augen der Offiziere und der
deutschen Soldaten sah ich den weissen Fleck der Angst, ich sah, wie er sich
nach und nach erweiterte, die Pupille anfrass, die Wurzeln der Wimpern ansengte
und die Wimpern fielen - eine um die andere - wie die Blütenblätter der
Sonnenblumen. Wenn der Deutsche anfängt
Angst zu haben, wenn sich in seinen Knochen die rätselhafte deutsche Angst
einnistet, dann ist der Moment gekommen, an dem er Schrecken und Mitleid zugleich
einflösst. Sein Ausdruck ist erbärmlich, seine Grausamkeit traurig, sein Mut
schweigsam und verzweifelt. Und genau in diesem Augenblick wird der Deutsche
bösartig: und ich bereute es Christ zu sein, und ich schämte mich ein Christ zu
sein.
Die russischen Gefangenen, die
jetzt von der Front in die Etappe gebracht wurden, waren nicht mehr so wie diejenigen in den
ersten Monaten des Krieges, sie waren nicht mehr so wie die im Juli, wie die im
August, wie die, die von deutschen Soldaten bewacht, unter der sengenden Sonne,
in tagelangen Märschen durch die rote und schwarze Erde der Ukraine in die
Etappe gebracht wurden. Während der ersten Kriegsmonate zeigten sich die Frauen
in den Dörfern auf der Schwelle ihrer Häuser, lachten und weinten vor Freude, sie
kamen gelaufen um den Gefangenen etwas zum Trinken und zum Essen zu
bringen. - Oh biedni, oh biedni! – riefen
sie „die Armen“. Sie brachten sogar etwas
zu Essen und zu Trinken auch für die deutschen Bewacher, die sich inmitten des
Dorfplatzes hingesetzt hatten, auf die Bänke neben den umgeworfenen Standbildern
aus Gips von Lenin und Stalin, wo sie, mit der Maschinenpistole zwischen den
Knien, sich rauchend und lachend unterhielten. Während der Rast in den Dörfern
waren die russischen Gefangenen ziemlich frei, konnten dahin und dorthin gehen,
sogar in die Häuser oder sich nackt am Brunnen waschen. Beim Pfiff des
deutschen Feldwebels liefen jedoch alle wieder an ihre Posten und die Kolonne
setzte sich in Bewegung, marschierte aus dem Dorf, durchquerte singend das grüne
und gelbe Meer der endlosen Ebene. Die Frauen, die Alten und die Kinder
begleiteten die Kolonne ein Stück weit, lachend und weinend. An einen
bestimmten Punkt blieben für einen Augenblick stehen um den sich entfernenden
Gefangenen zuzuwinken, ihnen Kusshände zuzuwerfen. Dann, wenn die Sonne hoch
stand, kehrten auf der staubigen Strasse zurück, drehten sich hin und wieder
um, um „doswidanja daragaia“ zu rufen „Auf Wiedersehen ihr Lieben“. – Die
deutschen Bewacher, mit ihrer umgehängten Maschinenpistole, marschierten sich laut
unterhaltend und lachend, zwischen den Hecken und Sonnenblumen. Und die
Sonnenblumen neigten sich durch die Hecken um sie vorbeimarschieren zu sehen,
ihnen mit ihrem schwarzen runden Augen nachzuschauen - bis die Kolonne im Staub verschwand.
Nun war der Gewinnerkrieg vorbei
und es begann der Verliererkrieg, begann der Dreissigjährige Blitzkrieg. Und die
Kolonnen russischer Kriegsgefangener wurden immer weniger: die deutschen
Wachmannschaften marschierten nicht mehr mit umgehängter Maschinenpistole
lachend und sich laut unterhaltend, sie marschierten nun an der Seite der Kolonnen,
brüllten mit rauer Stimme, starr das schwarze und glänzende Auge der
Maschinenpistolen auf die Gefangenen gerichtet. Bleich und abgemagert
schleppten sich diese durch den Schlamm, hungrig und müde, und die Frauen, die
Alten und die Kinder in den Dörfern sahen sie mit tränenden Augen vorbeiziehen und
riefen mit schwacher Stimme „nitschewo, nitschewo“ , sie hatten nichts mehr,
nicht einmal ein Stück Brot, nicht einmal ein Glas Milch, die Deutschen hatten
alles fortgenommen, alles, alles gestohlen, „nitschewo, nitschewo“. „Macht
nichts, daragaja, macht nichts. Wsio rawno, es ist gleich“, antworteten die
Gefangenen. Und die Kolonne durchquerte das Dorf ohne anzuhalten, im Regen, mit
dem verzweifelten Ruf „wsio rawno, wsio rawno, wsio rawno“, stolperte sie durch
das Meer schwarzen Schlammes der endlosen Ebene.
Dann begannen die ersten
„Lektionen im Freien“, die ersten Leseübungen in den Höfen der Kolchosbetriebe.
Das einzige Mal, an dem ich bei einer dieser Lektionen beiwohnte, war in der
Kolchose eines Dorfes in der Nähe von Nemirowskoje. Und von da an habe ich es
stets vermieden solchen Lektionen im Freien beizuwohnen. – Warum nicht? –
fragten mich die deutschen Offiziere des Generals von Schobert [Eugen Siegfried Erich von Schobert (1883-1941)]. „Warum wollen Sie nicht den Lektionen im Freien beiwohnen? Es ist ein
sehr interessantes Experiment, sehr interessant“.
Die Gefangenen waren im Hof der
Kolchose aufgereiht, der Umfassungsmauer entlang. Unter grossen Vordächern befand
ein Durcheinander von Hunderten von Landwirtschaftsmaschinen: Mähmaschinen,
Eggen, mechanische Pflüge, Dreschmaschinen. Es regnete, und die Gefangenen
waren durchnässt bis auf die Haut. Sie standen dort schon seit einigen Stunden,
schweigend, einer an den anderen gelehnt. Es waren blonde Jungens mit rasiertem
Kopf, mit hellen Augen und breitem Gesicht. Sie hatten grosse und breite Hände
mit narbigen, gedrungenen und gekrümmten Daumen. Fast alle waren Bauern. Die
Arbeiter, zum grössten Teil Mechaniker und Kolchoshandwerker, erkannte man an
ihrer Statur und an ihren Händen: sie waren grösser, magerer, hellhäutiger, sie
hatten knochige Hände mit langen Fingern, mit glatten Daumen, geglättet in der
Berührung mit Hämmern, Hobeln, Schraubenschlüsseln, Schraubenziehern und
Kurbeln. Man erkannte sie auch an ihren ernsten Gesichtern und ihren trüben
Augen.
An einem bestimmten Augenblick betrat
den Kolchoshof ein deutscher Unteroffizier, ein Feldwebel – begleitet von einem
Dolmetscher. Der Feldwebel war klein und dick, von der Art, die
scherzhafterweise Fettweibel genannt wurden. Er pflanzte sich breitbeinig vor
den Gefangenen auf und begann mit der gutmütigen Stimme eines Familienvaters zu
reden. Er sagte, dass man heute eine Leseprüfung machen würde, jeder müsse
einen Abschnitt aus einer Zeitung laut vorlesen und diejenigen, die die Prüfung
bestehen würden, würden in den Gefangenenlagern als Schreiber eingesetzt. Die
anderen, die die Prüfung nicht bestehen würden, müssten Äcker bestellen, als
Handlanger arbeiten oder Erdarbeiten verrichten.
Der Dolmetscher war ein
Sonderführer, klein und mager, nicht älter als dreissig Jahre alt, mit bleichem
Gesicht und vielen kleinen roten Flecken, in Russland geboren, ein
Volksdeutscher aus Melitopol, der Russisch mit einem seltsamen deutschen Akzent
sprach. (Beim ersten Mal, als ich ihn traf, sagte ich zu ihm im Scherz, dass
Melitopol Stadt des Honigs heisst. – „Ja, es gibt viel Honig in der Gegend von Melitopol“
– antwortete er mir mit unwirscher Stimme und sich verfinsterten Miene, „Ich beschäftige mich nicht mit Imkerei: ich
bin Lehrer“ –). Der Sonderführer übersetzte die kurze und mit gutmütiger Stimme
vorgetragene Rede des Feldwebels Wort für Wort und fügte mit dem Ton eines
Lehrers, der seine Schüler herausfordert, hinzu, gut auf die Aussprache zu
achten, sich beim Lesen anzustrengen und nicht zu künsteln, denn wenn sie die
Prüfung nicht ehrenhaft beständen, würden sie es bereuen.
Die Gefangenen hörten
stillschweigend zu. Erst als der Sonderführer geendet hatte, begannen sie unter
sich zu reden. Viele schienen den Mut verloren zu haben, schauten um sich wie
geprügelte Hunde und rangen verlegen die schwieligen Hände. Andere aber lachten
zufrieden, sie waren sich sicher, die Prüfung ehrenhaft zu bestehen und nun
Schreibdienste in irgendeinem Büro erledigen zu können. „Eh Pjotr, eh Wanja“ –
riefen sie mit der ihnen eignen Fröhlichkeit russischer Bauern ihren Kameraden
zu. Die Arbeiter unter ihnen schwiegen, richteten ihre Augen auf das
Direktionsgebäude der Kolchose, in dem sich das deutsche Kommando befand, schauten
hin und wieder auf den Feldwebel, aber würdigten den Sonderführer keines
Blickes. Ihre Augen waren tiefliegend und stumpf.
„Ruhe“ – schrie plötzlich der
Feldwebel. Und schon erschien eine Gruppe von Offizieren, angeführt von einem
alten, hochgewachsenen und mageren, etwas gebeugten Oberst mit
kurzgeschnittenem weissen Bärtchen, der beim Gehen ein Bein etwas
nachschleppte. Der Oberst schaute kurz und oberflächlich die Gefangenen an,
dann begann er mit monotoner Stimme zu sprechen, wobei er einige Silben
verschluckte, so als hätte er Eile seine Sätze zu beenden. Am Ende jedes Satzes
machte er eine lange Pause und blickte auf die Erde. Er sagte, dass diejenigen,
die die Prüfung ehrenhaft bestehen würden, und so weiter und so fort. Der
Sonderführer übersetzte die kurze Ansprache des Oberst Wort für Wort, dann
fügte er von sich aus hinzu, dass die Regierung in Moskau Milliarden in die sowjetischen
Schulen investiert habe. Er wisse das, weil er vor dem Krieg Lehrer in einer
Schule für Volksdeutsche in Melitopol gewesen sei, und dass alle, die die
Prüfung nicht bestehen würden, dann harte Handarbeit als Hilfskräfte und
Landarbeiter leisten müssten; schlecht für die, die in der Schule nichts
gelernt hätten. Es schien so, als ob dem Sonderführer sehr viel daran gelegen
sei, dass jeder mit guter und korrekter Aussprache laut Lesen könne.
„Wie viele?“ fragte der Oberst
den Feldwebel, wobei er sich mit der behandschuhten Hand das Kinn strich.
„Hundertachtzehn“ antwortete der Feldwebel. „Fünf jeweils zusammen und jeder
zwei Minuten“, befahl der Oberst. „Wir müssen das in einer Stunde erledigen“.
„Jawohl“ antwortete der Feldwebel.
Der Oberst winkte einem der
Offiziere, der ein Bündel Zeitungen unter dem Arm trug, und die Prüfung begann.
Fünf Gefangene traten einen
Schritt vor, jeder von ihnen streckte eine Hand aus um die Zeitung zu
ergreifen, die der Offizier ihm hinhielt (es waren alte Nummern der Iswestija
und der Prawda, die man im Büro der Kolchose gefunden hatte) und fing an mit
lauter Stimme zu lesen. Der Oberst hob den linken Arm mit der Armbanduhr und hielt
ihn vor die Brust, die Augen fest auf die Zeiger gerichtet. Es regnete und die
Zeitungen wurden nass und nässer, wurden weich und schlaff in den Händen der
Gefangenen, die, rot oder ganz bleich im Gesicht, schwitzend sich in den
Wörtern verhedderten, anfingen zu buchstabieren, den Akzent zu verfehlen und
die Zeilen zu verwechseln. Alle konnten lesen, aber nicht fliessend, ausser
einem, einem ganz jungen, der langsam aber sicher las, wobei er hin und wieder aufschaute.
Der Sonderführer hörte den Lesenden mit einem ironischen Lächeln zu, in dem,
wie es mir schien, ein Schatten von Verachtung lag: in seiner Rolle als
Dolmetscher, fühlte er sich als Richter. Er war der Richter. Er blickte die
Lesenden fest an, blickte von einem zum anderen mit einstudierter Langsamkeit
und Bösartigkeit. – „Halt!“ rief der Oberst.
Die fünf Gefangenen blickten
von den Zeitungen auf und warteten. Auf einen Wink des Richters hin rief dann
der Feldwebel: „Diejenigen, die durchgefallen sind, stellen sich hinten auf der
linken Seite auf, diejenigen, die die Prüfung bestanden haben, auf der rechten
Seite“. Als die ersten vier Durchgefallenen, auf einen Wink des Richters hin, enttäuscht
sich hinten auf die linke Seite begaben, ging durch die Reihen der Gefangenen
ein jugendliches, frohes und schadenfrohes Lachen, ein richtiges Bauernlachen.
Auch der Oberst liess den Arm sinken und lachte mit, auch die anderen
Offiziere, auch der Feldwebel fingen zu lachen an und auch der Sonderführer. „O
biedni – Oh die Armen“, sagten die Gefangenen zu den durchgefallenen Kameraden,
„Euch schickt man jetzt Strassen bauen, O biedni, jetzt müsst ihr Steine
schleppen“ und lachten dabei. Derjenige, der die Prüfung bestanden hatte, stand
rechts hinten ganz allein und lachte mit den anderen die Durchgefallenen aus.
Alle lachten, mit Ausnahme der Gefangenen, die dem Aussehen nach Arbeiter
waren, und die den Oberst mit finsterem Blick schweigend ins Gesicht sahen.
Dann waren weitere fünf dran,
und auch diese strengten sich an, gut zu lesen, ohne über Wörter zu überspringen,
ohne falsche Betonung. Aber nur zweien gelang es korrekt zu lesen; die anderen
drei, ganz rot vor Scham im Gesicht oder ganz bleich aus Angst, hielten die
Zeitung fest in den Händen, und hin und wieder leckten sie sich die trockenen
Lippen. „Halt! – rief der Oberst. Die
fünf Gefangenen erhoben das Gesicht und trockneten sich den Schweiss mit der
Zeitung, „Ihr drei, nach links hinten,
und ihr zwei nach rechts“, rief der Feldwebel auf einen Wink des Sonderführers
hin. Und die Kameraden machten sich über
die Durchgefallenen lustig und riefen: O biedni Ivan! O biedni Pjotr und sie berührten
deren Schulter wie um zu sagen: „Jetzt müsst ihr Steine tragen“. Und alle
lachten.
Aber einer der fünf Gefangenen
der dritten Gruppe las ausgezeichnet, ganz korrekt, betonte klar die Silben und
hob hin und wieder die Augen und schaute dem Oberst ins Gesicht. Die Zeitung,
aus der er las war eine alte Nummer der Prawda vom 24. Juni 1941, auf deren
Frontseite stand: „Die Deutschen sind in Russland eingefallen! Genossen
Soldaten, das sowjetische Volk wird den Krieg gewinnen, den Feind zermalmen!“.
Die Worte verbreiteten sich unter dem Regen und der Oberst lachte. Es lachten auch der Sonderführer, der
Feldwebel und die Offiziere. Alle lachten. Und auch die Gefangenen lachten, sie
schauten mit Bewunderung und Neid auf ihren Kameraden, der wie ein Lehrer lesen
konnte. „Bravo!!, sagte der Sonderführer zu ihm mit strahlendem Gesicht: er
schien fast so glücklich und stolz zu sein, als ob es sich um einen seiner
Schüler handelte. „Du, nach rechts, dort hinten“, sagte der Feldwebel
gutgelaunt zu dem Gefangenen und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Der
Oberst sah den Feldwebel an und tat so als wolle er etwas zu ihm sagen, aber er
hielt sich zurück: und ich merkte, dass er leicht rot wurde.
Die Gefangenen der rechten
Gruppe lachten zufrieden: diejenigen, die die Prüfung bestanden hatten schauten
ihre glücklosen Kameraden mit spöttischer Miene an, zeigten mit dem Zeigefinger
auf sich und sagten: „Wir Schreiber!“ – den Durchgefallenen schnitten sie
Grimassen und sagten: „Ihr Steineschlepper!“.
Nur die Gefangenen, die wie Arbeiter aussahen, und nun, einer nach dem
anderen, die Reihen derjenigen füllten, die die Prüfung bestanden hatten,
schwiegen und blickten starr auf den Oberst, der, als er ihren Blick gewahr
wurde, rot wurde und schrie: „Schnell! Schnell!“
Die Prüfung dauerte etwa eine
Stunde. Als die letzte Gruppe der Gefangenen dran war - es waren nur noch drei – endete das Lesen
nach zwei Minuten und der Oberst befahl
dem Feldwebel: „Abzählen“. Der Feldwebel machte sich daran sie von weitem
abzuzählen: - eins, zwei drei - Die auf
der linken Seite, die Durchgefallenen, waren siebenundachtzig, die auf der
rechten Seite, die die Prüfung bestanden hatten, einunddreissig. Nun, auf einen
Wink vom Oberst, begann der Sonderführer zu sprechen. Er verhielt sich wirklich
wie ein Schullehrer, der nicht mit seinen Schülern zufrieden ist. Er sagte, er
sei enttäuscht, dass so viele
durchgefallen seien, dass er es gern gesehen hätte, wenn alle die
Prüfung bestanden hätten. Auf jeden Fall, sagte er, diejenigen, die es nicht
geschafft hätten, die Prüfung zu bestehen, sollten nicht entmutigt sein: sie
würden gut behandelt werden und hätten
nichts zu klagen, sofern sie gut arbeiteten und sich mehr anstrengen würden,
als sie es in der Schule getan hätten. Während er sprach, schaute die Gruppe
derjenigen, die die Prüfung bestanden hatten, mitleidig auf ihre weniger
glücklichen Kameraden, und die Jüngsten gaben sich einen Stoss in die Rippen
und lachten unter sich. Dann, als der Sonderführer geendet hatte, wandte sich
der Oberst an den Feldwebel und sagte: „Alles in Ordnung. Weg!“ – und schritt, ohne
sich umzudrehen, zum Büro des Kommandos. Gefolgt von den Offizieren, die sich
hin und wieder umdrehten und mit gedämpfter Stimme unter sich sprachen.
„ Ihr bleibt hier bis morgen und
morgen geht’s ab ins Arbeitslager“, sagte der Feldwebel zur linken Gruppe. Dann
wandte er sich an die rechte Gruppe, an die Gefangenen, die die Prüfung
bestanden hatten. Mit harter Stimme befahl er ihnen, sich in einer Reihe
aufzustellen. Kaum standen die Gefangenen in einer Reihe, dicht einer neben dem
anderen (sie hatten zufriedene Gesichter und lachten belustigt wenn sie ihre
Kameraden ansahen). Er zählte sie nochmals ab. „Einunddreissig“, sagte er und
winkte mit der Hand der SS-Mannschaft, die im hinteren Teil des Hofes gewartet
hatte. Dann befahl er: „Rechts um, Marsch!“. Die Gefangenen macht Rechts um,
sie stampften fest auf den schlammigen Boden, und als sie sich mit dem Gesicht
vor der Umfassungsmauer des Hofes befanden, befahl der Feldwebel: „Halt!“. Er
wandte sich dann den SS-Leuten zu, die nun mit ihren Maschinenpistolen hinter
den Gefangenen standen, räusperte sich, spuckte auf den Boden und befahl:
„Feuer!.
Beim Knattern der
Maschinenpistolen war der Oberst an der Tür des Kommandos angelangt, er hielt
kurz an, drehte sich auf dem Absatz um, auch die Offiziere hielten inne und
drehten sich um. Der Oberst fuhr mit der Hand über sein Gesicht als wolle er
sich den Schweiss abwischen, und, gefolgt von seinen Offizieren, betrat er das
Gebäude des Kommandos.
„Ach so!“, sagte der
Sonderführer aus Melitopol als er an mir vorrüberging. „Man muss Russland von
diesem Gesindel von Intellektuellen reinigen. Die Bauern und Arbeiter, die zu
gut lesen und schreiben können, sind gefährlich. Alles Kommunisten“.
„Natürlich“, sagte ich, „Aber
in Deutschland können alle Bauern und Arbeiter gut lesen und schreiben“.
„Das deutsche Volk ist eben ein
Kulturvolk“
„Natürlich“, sagte ich, „ein
Kulturvolk“.
„Nicht wahr?“, sagte lachend
der Sonderführer und begab sich ebenfalls in das Kommandogebäude.
Ich blieb allein inmitten des
Hofes, allein mit den Gefangenen, die nicht richtig lesen konnten, und
zitterte.
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